Artenportrait: Die Gredinger Mehlbeere (Sorbus schuwerkiorum)

Die Gredinger Mehlbeere, auch manchmal Schuwerks Mehlbeere genannt, ist tatsächlich nach der Kleinstadt Greding im Süden des Landkreises Roth benannt. Die fachliche Artbezeichnung wurde nach Ruth und Herbert Schuwerk aus Übermatzhofen bei Pappenheim benannt, die die Art 1985 erstmals entdeckten.

Bei der Gredinger Mehlbeere handelt es sich um einen sogenannten Lokalendemiten der Südlichen Frankenalb. Endemiten sind Organismen, die nur in sehr eng umgrenzten Bereichen vorkommen, also nur lokale Verbreitung haben. Bekannte Endemiten sind etwa die Riesenschildkröten und die Darwinfinken, die jeweils nur einzelne Inseln von Galapagos besiedeln. Die Gredinger Mehlbeere kommt ausschließlich am Pfaffenberg bei Greding vor. Einzelne Exemplare findet man auch am Hang gegenüber und bei Mettendorf. Der kleine und unscheinbare Strauch oder Baum konnte trotz intensiver Suche an keiner anderen Stelle gefunden werden. Die genannten Orte im Süden des Landkreises Roth gelten als die einzigen Standorte weltweit für diese extrem seltene Pflanzenart.

In der Gattung Sorbus treten verschiedene Fortpflanzungsarten auf, die auch die Entstehung der mehrfach auftretenden endemischen Arten erklären können:

Bei der bekannten herkömmlichen sexuellen Fortpflanzung kommt es zur Neukombination von väterlichem und mütterlichem Erbgut durch Befruchtung. Stammen die Keimzellen von Pflanzen einer Art (wie das normalerweise der Fall ist), dann gehört die Tochterpflanze der gleichen Art an. Stammen Pollen und Samenanlage aber von verschiedenen Arten (die nahe verwandt sind), dann entsteht eine Tochterpflanze mit Merkmalen der beiden verschiedenen Elternarten. Man bezeichnet die Tochterpflanze als Hybride, den Vorgang als Bastardisierung. Daneben tritt auch Polyploidie auf. Dabei kommt es zwar auch zu einer Bestäubung und einer anschließenden Befruchtung, aber die normalerweise vorher auftretende Reduktionsteilung zur Bildung eines einfachen Chromosomensatzes in den Geschlechtszellen unterbleibt. Die Nachkommen haben mehr als die normalen zwei Chromosomensätze in jeder Zelle und damit neue Eigenschaften, bzw. Merkmale. Bei der Agamospermie unterbleibt eine Befruchtung ganz, das heißt, eine Körperzelle der Samenanlage entwickelt sich zum keimfähigen Samen. Die Tochterpflanze enthält dann ausschließlich das Erbgut der Mutterpflanze, ein natürlicher Klon entsteht.

Bei der Gredinger Mehlbeere ist eine stabile Hybride entstanden. Es kam zu einer natürlichen Kreuzung zwischen Breitblättriger Mehlbeere (Sorbus latifolia agg.) und der Elsbeere (Sorbus torminalis). Zusätzlich trat Agamospermie auf, wodurch die zufällig entstandene Art nicht weiter gekreuzt werden konnte, sondern stabil geblieben ist. Man darf deshalb davon ausgehen, dass die etwa 60 existierenden Bäume der Gredinger Mehlbeere alle das gleiche Erbgut besitzen, also einen natürlichen Klon bilden.

Merkmale der Gredinger Mehlbeere:

Die Blätter ähneln relativ stark denen der Breitblättrigen Mehlbeere. Sie sind elliptisch, der Blattgrund ist abgerundet bis breit keilförmig. Die Blattspitze ist ebenfalls abgerundet, aber kurz zugespitzt und der Blattrand doppelt gesägt. Die Blattunterseite zeigt gelbgraufilzige, dichte Behaarung und 9 bis 10 Nervenpaare.

Die Blüten bilden halbkugelige Scheindolden mit 8 bis 12cm Durchmesser. Blütenbecher und Kelchzipfel sind stark weißwollig, die Kronblätter weiß, etwa 3,5 x 7mm groß und an der Basis stark wollig. Die beiden Griffel sind bis ins obere Drittel verwachsen.

Die Früchte zeigen Ähnlichkeiten mit denen der Elsbeere. Sie sind relativ groß (ca. 10 x 13mm), eiförmig bis zylindrisch und haben aufrechte Kelchzipfel. Reif sind die Früchte orangerot, die Fruchtstände armfrüchtig.

Die Gredinger Mehlbeere bildet Sträucher oder kleine Bäume mit maximal 10 Meter Höhe aus. Sie kann deshalb leicht von größer werdenden Bäumen überwachsen werden. Da die Pflanzen sehr licht- und wärmebedürftig sind, befinden sie sich ausschließlich im Bereich von Waldrändern, Felskanten, Gebüschen oder Lichtungen mit meist südlicher Exposition. Wird eine Pflanze beschattet, dann kann sie versuchen, in Lücken des Kronendachs zu wachsen, fast waagerechten Kriechwuchs ausbilden oder versuchen, über längere Wurzelausläufer ans Licht zu gelangen.

Die Gredinger Mehlbeere wächst ausschließlich auf Kalkboden (Malmkalk). Sie gilt als Begleiterin lichter Eichen-, Kiefern- oder Buchenwälder. Häufig ist sie mit dem Diptam, aber auch dem Immenblatt vergesellschaftet.

Früher wurden die steilen Hänge des Pfaffenbergs im Niederwaldbetrieb bewirtschaftet. Alle 20 bis 30 Jahre wurde ein Kahlschlag durchgeführt. Dadurch bekamen die Laubbaumstümpfe genügend Licht, konnten wieder austreiben und bis zur nächsten Nutzung wachsen. Dies kam auch der Gredinger Mehlbeere zugute, denn sie ist sehr ausschlagfähig. Außerdem war die Konkurrenz durch andere Baumarten so geringer.

Heute betreibt man im Bereich des Pfaffenbergs ausschließlich Hochwaldwirtschaft. Die hohen Bäume gefährden die lichtbedürftige Mehlbeerenart. Wenn sie nicht an genügend Licht gelangt, stirbt sie ab. Dazu kommt, dass Säume am Waldrand oft nicht mehr stehenbleiben dürfen und so der Jungwuchs ständig abgemäht wird. Auch die moderne, oft sehr radikal durchgeführte Heckenpflege längs der Wege gefährdet die gerne schräg wachsenden Sträucher und kleinen Bäume. Der hohe Wildbesatz sorgt für zusätzliche Verbissschäden, insbesondere bei den empfindlichen Sämlingen.

Die ohnehin seltenen Pflanzen sind also durch die heute übliche Bewirtschaftung stark bedroht.

Glücklicherweise arbeiten Naturschutz- und Forstbehörden, sowie der Landschaftspflegeverband eng zusammen. Zunächst wurden die Waldbesitzer über die Einzelstandorte informiert. Außerdem hat man Fördergelder für den Erhalt der einzelnen Bäume zugesichert. Zusätzlich besteht das Angebot, die Pflege durch den Landschaftspflegeverband vornehmen zu lassen. So konnte erreicht werden, dass alle Bäume markiert, gefährdete Bäume freigestellt und kleinere Pflanzen und Sämlinge durch Zäunung geschützt wurden. Außerdem versucht man an geeigneten Stellen, gezielt auszusäen. Einen kleinen Teil der Flächen konnte der Naturschutzfond des Landkreises erwerben und so für die Zukunft sichern.

Karl-Heinz Donth