Besuch im Zukunftshaus Würzburg
Würzburger müssen nicht mehr herumtelefonieren oder auf den nächsten Repair-Café-Termin warten. Sie müssen keine Recherche im Internet nach nachhaltig produzierter Kleidung betreiben und keine Popcornmaschine kaufen. Würzburger gehen einfach ins Zukunftshaus: Sie bringen ihren Staubsauger zum Reparieren hin und mieten dort eine Popcornmaschine. Die ausgelesenen Bücher stellen sie ins Tauschregal und suchen sich neuen Lesestoff aus. Das einmal benutzte Waffeleisen spenden sie für den Mietshop. Schließlich kaufen sie sich eine GOTS-zertifizierte Jeans aus Biobaumwolle. Wahrscheinlich finden sie in dem reichhaltigen, sehr ansprechend präsentierten Sortiment noch etwas Brauchbares für Haushalt oder Garten, ein kleines Geschenk oder eine besondere Leckerei.
Begonnen hat alles 2018 mit einem Vortrag in einer Buchhandlung, bei dem Gründer Matthias Pieper seine Idee, dem ausufernden Konsum etwas entgegenzusetzen, öffentlich vorstellte und sofort einige Mitstreiter für das Projekt gewann. Zunächst wurde der Verein „Zukunftswerk“ gegründet, der heute noch die Tauschräume betreibt. Nach einer Crowdfunding-Kampagne wurde im Herbst 2020 die Zukunftshaus Genossenschaft gegründet, die heute über 500 Mitglieder hat. Schließlich wurde im Oktober 2022 das Zukunftshaus Würzburg als erstes seiner Art in Deutschland eröffnet.
In vier Bereichen wird hier die Idee eines nachhaltigen Konsums umgesetzt: Mieten, Tauschen Reparieren und Kaufen: Defekte Geräte werden zu den Öffnungszeiten abgegeben und von ehrenamtlichen Reparateuren, wenn möglich, zuhause wieder in Gang gesetzt. Dinge, die man nicht oft benötigt, können im Mietshop gegen eine kleine Gebühr ausgeliehen werden. So vermeidet man teure Anschaffungen und spart Platz in Küche, Keller und Gartenhaus. Schließlich gibt es noch zwei Tauschräume, wo allerlei Sachen wie Kleidung, Spielzeug, Geschirr und Bücher getauscht oder einfach so mitgenommen werden können. Für das in diesen drei Bereichen gesparte Geld kann man dann im Verkaufsbereich hochwertige, langlebige Produkte erwerben, deren Herkunft genau geprüft wurde. Verkauft werden nur Dinge, deren Produktion möglichst kurze Wege verursacht und die langlebig, reparierbar und aus recycelten oder ökologischen Materialien hergestellt sind.
Die Mitglieder des AK Müllvermeidung waren bei ihrem Besuch davon beeindruckt, wie hier offensichtlich sehr erfolgreich dem vorherrschenden Konsum- und Wegwerfwahn etwas entgegengesetzt wird. Leider wird es mangels personeller und finanzieller Möglichkeiten wohl ein Wunsch bleiben, etwas Ähnliches in Roth zu etablieren, obwohl genügend leerstehende Läden vorhanden wären und es ja auch Kooperationspartner wie das Kaufhaus Regenbogen oder die Bücherei mit ihrer Bibliothek der Dinge gäbe.
Jutta Radle
