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Märzenbecher (Leucojum vernum)

1. Begriff

Geläufige Bezeichnungen sind Frühlingsknotenblume, Märzbecher, Märzglöcklein oder Großes Schneeglöckchen. In England nennt man die Pflanze Spring Snow-flake, also Frühlings-Schneeflocke. Die Fachbezeichnung leitet sich ab von den griechischen Begriffen „leukos“ = weiß und „ion“ = Veilchen, außerdem vom lateinischen „ver“ = Frühling.

2. Beschreibung

Es handelt sich um eine ausdauernde, krautige Pflanze, die zwischen 10 und 30cm groß wird. Zur Blütezeit erscheinen drei bis fünf breit-lineale, bis 20cm lange und 1cm breite dunkelgrüne Laubblätter. Sie sind in zwei Zeilen angeordnet. Zwischen ihnen schiebt sich ein blattloser hohler, bis 35cm hoch werdender Stängel aus dem Boden. Er trägt im Bereich der Blüten eine 2,5 bis 4cm lange häutige Blattscheide, die aus zwei verwachsenen Hochblättern besteht.

Meist trägt der Stängel nur eine weiße, glockenförmige Blüte, deren Duft an Veilchen erinnert. Nur selten tritt eine zweite Blüte auf. Gut sichtbar ist der grüne unterständige Fruchtknoten (daher „Frühlingsknotenblume“). Er trägt die sechs gleich aussehenden Blütenhüllblätter, die auch als Perigonblätter bezeichnet werden. Die Hüllblätter enden in einer stumpf-zipfeligen, etwas verdickten Spitze mit einem gelben oder grünen Fleck. Innerhalb der Blütenhüllblätter wachsen sechs freie Staubblätter mit langen orangenfarbenen Staubbeuteln. In ihrer Mitte befindet sich ein keulenförmiger Griffel.

3. Fortpflanzung und Verbreitung der Samen

Märzenbecher verbreiten sich durch zwei unterschiedliche Fortpflanzungssysteme. Bei der vegetativen Fortpflanzung wird eine Tochterzwiebel gebildet, die mit der Mutterpflanze genetisch identisch ist. Treten mehrere Pflanzen in einer Gruppe mit sehr geringen Abständen auf, dann handelt es sich meist um genetisch identische Pflanzen, also um natürliche Klonbildung.

Bei der sexuellen Fortpflanzung ist die Bestäubung der Blüten notwendig. Die Märzenbecherblüte produziert Nektar nicht in speziellen Nektardrüsen, sondern in Diskuszellen am Griffel. Die bestäubenden Insekten müssen die Diskuszellen anbohren oder aufbeißen, um an den Nektar zu gelangen. Dabei entleeren die am Ende offenen Staubbeutel ihren Inhalt, den Blütenstaub, auf dem Kopf oder Rücken des Insektes. Um bei einer zweiten Blüte die Diskuszellen öffnen zu können, muss das Tier an der Narbe an der Spitze des Griffels vorbei kriechen. Auf diesem Weg wird ein Teil des Pollens abgestreift – und die Pflanze bestäubt.

Als Bestäuber werden Honigbiene und Schmetterlinge angegeben. Bienen können Diskuszellen öffnen, da sie beißend-leckende Mundwerkzeuge haben. Schmetterlinge dagegen können nur Nektar auflecken. Sie sind also auf bereits geöffnete Zellen angewiesen.

Gelegentlich kann bei den Pflanzen auch Selbstbestäubung auftreten.

Nach der Bestäubung bzw. der Blütezeit welken Hüllblätter, Staubblätter, Griffel und Narbe. Nur der Fruchtknoten mit den Samenanlagen entwickelt sich weiter zu einer birnförmigen, fleischigen, dreiteiligen Kapselfrucht. Diese neigt sich aufgrund ihres Gewichts dem Boden zu und öffnet sich am Boden. Die schwarzen Samen enthalten ein eiweißhaltiges Anhängsel. Deshalb tragen Ameisen die Samen gerne in ihre Bauten. Oft werden die Anhängsel nach einer gewissen Wegstrecke abgebissen und verspeist. In der Literatur werden auch gelegentlich Vögel für die Verbreitung der Samen verantwortlich gemacht: Vögel fressen die fleischigen Früchte. Die unverdaulichen Samen werden ausgeschieden und tragen so zur Verbreitung bei.

4. Vorkommen

Standorte sind sickerfeuchte, nährstoffreiche, meist etwas kalkhaltige, tiefgründige Ton- und Lehmböden. Märzenbecher benötigen lockere, humose Mullböden. Die Halbschattenpflanze stellt einen Feuchtigkeitszeiger dar. Bodentrockenheit wirkt als begrenzender Faktor. Man findet Märzenbecher deshalb in Schluchtwäldern ( Linden-Bergahornwäldern ), Bachauwäldern („Hartholzaue“ = Ahorn-Eschenwälder), Eichen-Hainbuchenwäldern, und vom Menschen beeinflussten Folgegesellschaften, wie an Wald grenzende feuchte Wiesen oder auch Moorwiesen.Vergesellschaftet sind Märzenbecher gerne mit Bärlauch (Allium ursinum), Hoher Schlüsselblume (Primula elatior), Lerchensporn (Corydalus cava ), Sumpfdotterblume (Caltha palustris) oder Wald-Gelbstern (Gagea lutea)

5. Verbreitung, Gefährdung und Schutz

Die Frühlingsknotenblume zeigt submediterran-subatlantische Verbreitung mit dem Verbreitungsschwerpunkt in Mitteleuropa. Bedeutende Vorkommen befinden sich im Leipziger Auenwald, dem Polenztal, in der Sächsischen Schweiz und dem Hainich. Im Stadtforst Hameln wachsen Märzenbecher auf einer Fläche von 3,6 Quadratkilometern. Im fränkischen Raum sind bedeutende Märzenbechervorkommen bei Algersdorf im Sittenbachtal und bei Ettenstatt zu finden. Im Landkreis Roth sind die größten Fundstellen in der Schwander Soos und im Heinrichsgraben bei Untermässing. Daneben existieren noch einige kleine bis sehr kleine Stellen mit Märzenbechern. Sicher sind nicht alle Fundorte auf natürliche Vorkommen zurückzuführen, sondern beruhen auch darauf , dass Pflanzen künstlich ausgebracht, also angesalbt, wurden.

Die größte Gefährdung stellt die Zerstörung des Lebensraums dar. Feuchtflächen werden entwässert oder aufgefüllt. Außerdem gibt es Sammler, die blühende Pflanzen pflücken oder gar ausgraben. Inzwischen stellt der rege Besuch größerer Märzenbecherfundstellen eine weitere wesentliche Gefährdung dar. Durch das Betreten der Bestände werden Pflanzen nicht nur zertreten, sondern auch der Boden verdichtet. Da Märzenbecher aber lockere humose Böden benötigen, wird eine Wiederbesiedelung für lange Zeit unmöglich.

Nach der Bundesartenschutzverordnung ist der Märzenbecher besonders geschützt. Er darf weder gepflückt noch ausgegraben werden. Dementsprechend dürfen Märzenbecherstandorte auch nicht vernichtet werden. Obwohl noch größere Bestände existieren , wird der Märzenbecher in Bayern als gefährdet (Rote Liste Gefährdungsstufe 3) angesehen. In der Roten Liste von Deutschland wird er in der Vorwarnliste geführt. Die Naturschutzwacht des Landkreises Roth ist während der Blütezeit in der Schwander Soos und im Heinrichsgraben unterwegs, um Besucher zu informieren und die Bestände zu schützen.

6. Giftigkeit

Märzenbecher sind in allen Teilen giftig. Die größte Giftkonzentration befindet sich in der Zwiebel. Verantwortlich für die Giftwirkung sind vor allem Alkaloide wie Lycorin und Galanthamin. Vergiftungserscheinungen sind Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, sowie Herzrhythmusstörungen. In früheren Zeiten wurde die Pflanze als Heilmittel bei Herzerkrankungen eingesetzt.

7 Kunst und Kultur

Eine Darstellung der Frühlingsknotenblume findet man im „Paradiesgärtlein“ des Oberrheinischen Meisters aus der Zeit von 1410 – 1420. Basilius Besler aus Nürnberg stattete 1613 sein Pflanzenbuch mit einer kolorierten Kupferstichtafel des Märzenbechers aus. Fürstbischof Gemmingen ließ dieses kostbare Florilegium anfertigen als eine beeindruckende Ergänzung seines Prachtgartens an der Willibaldsburg in Eichstätt. Im Laufe der Jahrhunderte waren in vielen Gemälden Märzenbecher wesentlicher Bestandteil der Darstellungen von Blumengebinden und Gärten. Kunstgeschichtlich interessierte Betrachter werden in Symbolik und Anordnung sicherlich viele Deutungsebenen erschließen.

Die DDR hat 1961 eine Briefmarke mit einer Darstellung des Märzenbechers herausgegeben.

Die Gemeinde Ettenstatt trägt den Märzenbecher in ihrem Wappen.

Karl-Heinz Donth